Der Nachtgedanke – Reise ins Bildungssystem der 70iger

Wie viele von Euch wissen, bin ich seit fast 6 Jahren als Tainer und Referent unterwegs. Und selbstverständlich besuche ich viele Veranstaltungen und Foren, um mein Wissen und meine Fähigkeiten zu vertiefen. Dazu gehört auch, die eigene Vorgehensweise zu reflektieren und gegebenenfalls zu korrigieren oder zu verändern. Das ist ja genau das, was an dieser Aufgabe – neben den interessanten und inspirierenden Begegnungen bei den Workshops – Spaß macht. Ich habe die Möglichkeit, mich und meine Ansätze weiterzuentwickeln.

Bei jeder externen Veranstaltung, die ich besuche, mache ich mir bewusst, dass da vor mir Menschen stehen, die Wissen vermitteln. Menschen mit Geschichten, mit Stärken und Schwächen, mit unterschiedlichen Werten und Erfahrungen. Und oftmals ist das Gelingen einer Veranstaltung auch ein wenig von der Tagesform abhängig. Aus all diesen Gründen fällt es mir in der Regel schwer, eine Veranstaltung negativ zu bewerten. Ich weiß, da steckt sehr viel Arbeit drin.

Und, ich kann natürlich niemals ausschließen, dass mich Personen mit ihrem Verhalten, Ihrer Art sich auszudrücken und vielleicht manchmal auch mit ihrer Persönlichkeit aufwühlen. Schließlich bin ich auch nur ein Mensch, und ich trage meine Päckchen mit mir rum. Wenn man sich entscheidet, das zu tun, was ich tue – egal, ob als Trainer oder Coach, heißt das ja nicht, dass ich die Weisheit mit Löffeln gegessen habe und nicht ab und zu in alte Verhaltensmuster falle.

Am vergangenen Donnerstag und Freitag habe ich wieder einmal eine Weiterbildung besucht. 16 Stunden Online! Vorgestellt wurden Coachingtools wie Das innere Team, Timeline, Genogramm und Das innere Kind.

Und? Was soll ich sagen?

Es war eine Reise in das Bildungswesen der 70iger Jahre. So, wie ich es in der Schule kennengelernt habe. (Verdammt lang her!)

Eine Welt, in der „Bildungskräfte“ Ihr Programm herunterrattern und auf Rückfragen unsensibel mit der Tendenz zur Arroganz reagieren. Die Schüler:innen abholen? Die Schüler:innen motiveren? Herzblut für ihre Themen? Fehlanzeige! Dafür sind, so wurde es auch mehrfach betont, die Lehrkräfte nicht „zuständig“.

Da wurden sensible Tools in der Coaching-Weitebildung vorgestellt, die eigentlich Ihren Platz in der Psychotherapie haben. Und auf Rückfragen, wie die Tools eingeleitet oder eingesetzt werden, spricht die Dozentin davon, dass wir uns mal nicht immer so einen Leistungsdruck machen sollten.

Und auf den Einwand hin, dass wir im Umgang mit Menschen ja nun auch eine gewisse Verantwortung haben – selbst als Coach – , hieß es: Das sind gesunde und erwachsene Menschen, die dafür selbst die Verantwortung tragen müssen.

Angesprochen auf den Wohlfühlfaktor, der ja in meinen Augen einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leistet, dass Menschen sich öffnen und am Ende etwas mitnehmen, wäre die Dozentin (wahrscheinlich) gerne in höhnisches Gelächter ausgebrochen. Das hat sie sich dann aber doch verkniffen und gesagt: Naja, wenn die Leute nur zu Dir kommen, weil es bei Dir so nett ist…

Willkommen im alten Schulsystem.

In einem Schulsystem, in dem sich „Arbeit“, Lernen, Weiterentwicklung und Reflektion auf der einen Seite – und Begeisterung, Motivation, Freude und Spaß auf der anderen Seite – gegenseitig ausschließen.

Sorry, aber dabei empfinde ich das starke Bedürfnis, mal ordentlich in die Ecke zu kotzen!

Und die Reise ging weiter (zur Erinnerung: 16 Stunden, online).

Ich habe sehr viel darüber erfahren, was Frauen sind und was Frauen können – und vor allem was Männer eben nicht wissen. Auf die Bitte hin, bei Klischees und Generalisierungen einen Gang zurückzuschalten, habe ich fast alles über das Patriachat erfahren. War jetzt nicht viel neues dabei. Und irgendwie hatte ich den Verdacht, dass eine solche Weiterbildung nicht unbedingt der richtige Ort für so etwas ist.

Denn. Ist es nicht gerade an uns, die im täglichen Kontakt zu Menschen stehen, mit Vorurteilen, Voreingenommenheit und Ausgrenzung aufzuräumen? Wenn es wirklich zur Coachingsausbildung gehört, Unconscious Bias zu nähren, dann bin ich da wohl falsch – das ist mir echt zu anstrengend.

Das Modell des Inneren Teams wurde von der Dozentin mit einer Freiwilligen demonstriert. Vor 18 laufenden Kameras wurden intime und reflektierende Fragen gestellt und auf Antworten gedrängt. Gott sein Dank, haben fast alle Teilnehmer:innen im Verlauf die Kameras ausgeschaltet, nachdem ich im Chat darum gebeten habe. Der Teilnehmerin hat das alles nichts ausgemacht, sagt sie. Ich persönlich konnte das kaum mit ansehen, weil ich den Eindruck hatte, dass die Versuchsperson zu Antworten gedrängt wurde. Das liegt allerdings daran, dass ich selbst noch sehr viel aufzuarbeiten habe, sagt die Dozentin. Man muss ja erst einmal bei sich selbst aufräumen bevor man als Coach unterwegs ist. Wie wahr! Ein wenig Sensibilität, Empathie, eine professionelle Anleitung, Kommunikation auf Augenhöhe und die Erschaffung eines sicheren Rahmens – das alles gehört allerdings auch dazu.

Aber, das ist lediglich meine Meinung.
Und wer bin ich schon?
Ich bin ja nur ein Mann, der das Patriachat aktiv unterstützt und stehe als Sinnbild für das Leid und die Diskriminierungen, die Frauen seit Jahrtausenden erfahren.
Fuck, und ich wusste das anscheinend nicht!

Selbstverständlich trage auch ich schwarze Flecken mit mir herum, die die Dozentin eventuell sichtbar gemacht hat, was zu dieser „etwas übertriebenen Auseinandersetzung mit diesen zwei Tagen“ geführt haben könnte.

Ich liebe meinen Job.
Ich liebe das, was ich tue.
Und ich liebe es, Menschen in meinen Workshops und Vorträge zu begegnen. Ihre Sichtweisen, Ihre Perspektiven, Ihre Ressourcen, Stärken und Schwächen (zumindest im Ansatz) kennenzulernen.

Und es gehört schon einiges dazu, mich meiner Begeisterung für diese Themen, meiner Motivation und meinem Humor zu berauben. Wisst ihr auch warum? Weil ich sonst leer bin. Und genau das haben mir meine Gefühle in den Tagen nach dieser Weiterbildung ganz deutlich gezeigt. Bleibt die Frage, ob man für diese Erkenntnis so viel Geld ausgeben sollte.

Am Ende bestätigt sich wieder einmal das Zitat von Maya Angelou, das in dem oben beschriebenen Rahmen nett belächelt wurde:
Menschen mögen vergessen, was Du gesagt hast
Menschen mögen vergessen, was Du getan hast
Aber Menschen vergessen niemals das Gefühl, dass Du in ihnen ausgelöst hast.

Ich werde mich auf jeden Fall an dieses Gefühl, dass mir die Dozentin vermittelt hat, noch lange erinnern.

Und einen Lerneffekt hat das ganze für mich auf jeden Fall: Ich werde – auch, wenn es als Coach angeblich nicht wichtig ist – zukünftig noch mehr darauf achten, dass ich in meinen Formaten ein gutes Gefühl vermittel, einen Safe-Space aufbaue, auf Augenhöhe kommuniziere und den „Begriff“ der Wertschätzung leben.

Vielen Dank Frau Dozentin!

Liebe Grüße
Euer Wolli

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